Was ist ein Friseur wert?

Liebe Kunden,

was ist ein Friseur wert?

Bereits vor meiner Eröffnung im Juni 2020 wurde mir geraten, mit angemessen kalkulierten Preisen für meine angebotenen Dienstleistungen zu starten. Was „Angemessen“ bedeutet, erkläre ich gleich. Fakt ist, dass ich mich entgegen dem Rat dazu entschieden habe, meine Preise sicherheitshalber nach anderen Salons in Telgte auszurichten. Ich hatte zuviel Angst davor, dass keine Kunden in den Salon kommen, wenn meine Preise einer vernünftigen Kalkulationsbasis entsprechen.

Wenn ich von angemessen kalkulierten Preisen spreche, meine ich damit nicht nur meine. Es wird in der gesamten Friseurbranche eine Seltenheit sein, dass Inhaber auf Basis von realistischen Zahlen eine Preispolitik fahren, die am Ende des Monats zur Deckung der Fixkosten führt, geschweige denn einem Gewinn. Friseure sind in der Regel sehr emotional denkende Menschen, für die das Kundenwohl an erster Stelle steht. Da senkt man zu Corona-Zeiten auch gerne seine Preise. Damit der arme Kunde, der ja nun finanzielle Verluste erleidet, nicht auch noch durch seinen Haarschnitt ärmer wird.

Wer würde für ein monatliches Gehalt von 0 Euro arbeiten gehen?

Fakt ist, dass Saloninhaber nicht nur aus Spaß an der Freud`einen eigenen Salon eröffnen, sondern durchaus das Ziel verfolgen, Geld damit zu verdienen. Was absolut legitim ist. Denn mal im Ernst; wer würde für 0 Euro monatliches Gehalt 40-60 Stunden die Woche arbeiten? Und im schlimmsten Fall sogar noch Geld draufzahlen? Richtig! Niemand. Leider passiert aber genau das in ganz, ganz vielen Friseursalons. Das Wohlergehen der Kunden wird über das eigene gestellt, der eigene Wert überhaupt nicht hinterfragt. Zahlen beobachten ist nebensächlich und am Ende des Monats fließt der Schweiß in Strömen, wenn man mit dem Geschäftskonto immer weiter ins Minus rutscht.

Während meiner Gründungsphase habe ich sehr oft in ungläubige Gesichter geschaut; sei es die Unternehmensberatung der Handwerkskammer, die Steuerberaterin, oder auch in die meiner Produktlieferanten. Warum? Weil es absolut unnormal in der Friseurbranche ist, wenn jemand als allererstes über Zahlen sprechen möchte. Sich dafür interessiert, wie man seine Preise kalkulieren sollte um ein gewinnbringendes Unternehmen am Markt etablieren zu können. Nur ca 20 % der deutschen Saloninhaber beschäftigen sich mit dieser Thematik. Bedeutet im Umkehrschluss, dass um die 80% auf gut Dünken, einfach mal alles auf sich zukommen lassen. Ist das nicht gruselig?

Da wird lieber darauf vertraut, dass das Geld schon irgendwie reinkommt, im Akkord gearbeitet, an Qualität gespart, Mitarbeiter ausgebeutet und gerne auch Sozialversicherungsbetrug im nicht unwesentlichen Stil begangen. Irgendwie dann auch kein Wunder, dass so viele Kunden die günstige Haarschnitt-Variante bevorzugen und alles andere als „Überteuert“ und „Unverhältnismäßig“ abtun.

Ob es zu glauben ist, oder nicht: Die Friseurbranche steht kurz vor einem Kollaps. Haarschnitte für 15-30 Euro, mit denen Lohndumping und Mitarbeiterausbeute begangen wird (werden muss), wird es sehr bald nur noch bei den so genannten Geldwaschmaschinen geben.

Warum die 50 Euro-Marke nicht unverschämt ist!

Um ein gesundes Unternehmen schaffen zu können, sollte realistisch, überlebensfähig und auf Gewinn ausgerichtet kalkuliert werden. Damit neben den Fixkosten und Mitarbeitergehältern auch für den Inhaber ein so genannter. Unternehmerlohn erwirtschaftet werden kann. Ist das ein Friseur wert? Schauen wir mal auf ein Beispiel aus dem Alltag.

Ein Beispiel aus dem Alltag: Kundentermin „Haarschnitt Dame“ (Zeit im Terminplan: 60 min)

Was gehört alles zu dem Termin dazu, was davon ist die Dienstleistung und was davon kostet Zeit, wird vom Kunden aber nicht direkt wahrgenommen

Elementar wichtig, Dauer ca 10-20 min

  • Begrüßung
  • Kunden zum Platz begleiten
  • Beratung

Eigentliche Dienstleistung, Dauer ca 45-60 min

  • Haare waschen
  • schneiden
  • föhnen
  • stylen

Ebenfalls elementar wichtig, durch Desinfektion Dauer ca: 15-20 min; ansonsten 15 min

  • Kassiervorgang
  • Verabschiedung
  • Platz sauber machen
  • momentan: Platz und Werkzeug desinfizieren

Zu der eigendlichen Dienstleistungszeit können also locker zusätzliche 25-40 min addiert werden. Während dieser Zeit kann kein anderer Kunde bedient werden, da die Tätigkeiten alle mit dem einen Damenhaarschnitt zusammenhängen.

Was fallen in einem Friseursalon denn eigentlich für laufende Kosten an?

  • Lohn Mitarbeiter (Mindestlohn: 1300 Euro Netto für 39,5 Std/Woche (= Hungerlohn), insgesamt Ausgaben: 2280 Euro)
  • Lohnnebenkosten (+22,5%)
  • Urlaub und Feiertage Mitarbeiter (+20%)
  • Kosten Berufsgenossenschaft
  • Innungs-/Kammerbeiträge
  • Lohnbuchhaltung (der Steuerberater lässt sich übrigens nicht, wie wir Friseure, mit 30 €/Stunde abspeisen)
  • Miete Salon inklusive Nebenkosten
  • Ware
  • Versicherungen
  • GEMA/GEZ
  • Telefon/Internet
  • etc.

Ich als Inhaberin habe bis zu diesem Punkt nur Ausgaben, möchte/muss aber mein eigenes Privatleben ebenfalls finanzieren. Denn auch dort habe ich, wie jeder andere Mensch auch, Fixkosten zu decken. Optimal und erstrebenswert wäre es dann schlussendlich, wenn nach all den Ausgaben ein gewisser Betrag übrig bleibt. Denn auch ich gehe natürlich gerne Kaffee trinken 😉

Auf Grund dieser Auflistung dürfte klar werden, dass es nur dann möglich ist sein Unternehmen zu erhalten, wenn all diese Kosten regelmäßig gedeckt werden können. Bei 4-5 Haarschnitten am Tag kann vermutlich jeder ausrechnen, dass selbst 30 Euro pro Schnitt nicht genügen können. Auch nicht, wenn mehr Mitarbeiter da sind. Denn diese müssen selbstverständlich bezahlt werden.

Warum fällt es dann so vielen Friseuren schwer, angemessene Preise zu kalkulieren?

Es stellt sich, vermutlich nicht nur für mich, die Frage, warum so viele Friseure keine angemessenen Preise für ihre Dienstleistungen nehmen? Wir leisten mit unserer Tätigkeit echte Handarbeit und gehören einem traditionellen Handwerk an. Zudem sind wir in verdammt teuren Innungen organisiert und müssen für die Selbstständigkeit zwingend den Meistertitel erwerben. Kunden zahlen für andere Handwerkstätigkeiten locker mehr als das doppelte als den Stundenlohn für einen Friseur, sind aber irritiert, wenn der Haarschnitt plötzlich teurer wird.

Vielleicht sollte die Eingangs gestellte Frage: „Was ist ein Friseur wert“ dahingehend erweitert werden, dass sich jeder Kunde die Frage stellen sollte was er sich zudem selbst wert ist? Denn Fakt ist, dass Qualität und echtes Handwerk, ein schönes Ambiente, gut gelaunte Mitarbeiter, hochwertige Produkte und eine entspannte Zeit im Salon nur dann angeboten werden können, wenn am Ende des Monats für den Saloninhaber alles passt. Denn wäre dem nicht so, würde eine Schließung unabwendbar sein.

Was ziehe ich, als Saloninhaberin für Konsequenzen?

Für mich als Inhaberin des Salons „Indra Fürstenberg | haare im fokus“ ist klar, dass auch unsere Salonkunden immer an erster Stelle stehen. Wir geben alles; und teilweise noch viel mehr; um den Aufenthalt im Salon zu etwas besonderem zu machen. Jedoch ist es mir mindestens genau so wichtig, das Unternehmen dauerhaft zu etablieren, meine Kosten decken zu können und weiterhin exakt jene Qualität abliefern zu können, die bereits jetzt schon garantiert wird. Deswegen werde ich meine Preise zum 01.11.2020 entsprechend meiner ursprünglichen Kalkulation angleichen und hoffe auf Ihr Verständnis.

Natürlich stehe ich für Fragen jederzeit zur Verfügung und hoffe, dass ich Ihnen durch diesen ausführlichen Artikel erklären konnte, dass die Angleichung der Preise keiner Geldgeilheit meinerseits entspringt, sondern vielmehr dazu dient, Ihnen noch möglichst lange erhalten bleiben zu können.

Ganz liebe Grüße,

Indra Fürstenberg und Team

Sie verwenden einen veralteten Browser. Laden Sie sich hier einen neuen herunter!